Eva Menasse: Wo sich Ossis und Wessis Gute Nacht sagen
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Dass das Private politisch sei, ist eine Erkenntnis, der nicht zuletzt der Feminismus viel verdankt. Mit dem neuen Buch von Eva Menasse könnte man noch das Immobilienwesen dazunehmen. Denn auch darin zeigt sich, wie sehr die individuelle Organisation von Lebensverhältnissen auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen verweist.
Eva Menasse gehört zu den wichtigen Stimmen der intellektuellen Öffentlichkeit. Aber wie sieht es nun jenseits des Rampenlichts der Debatten-Bühnen aus, die sie zuletzt etwa als Sprecherin des PEN Berlin bespielt hat? An einem Rückzugsort, dessen unter Maklern geläufige Bezeichnung seine Bestimmung unterstreicht – »Alleinruhelage«? In ihrem so betitelten Buch öffnet die österreichische Autorin die Tür des Hauses, in dem sie glückliche, verliebte, aber auch einsame und tragische Tage verbracht hat, fernab des urbanen Getriebes ihrer öffentlichen Existenz. Man sollte freilich nicht aus den Augen verlieren, was die Gattungsbezeichnung Roman für die autobiografische Zeugenschaft bedeutet, die das Ganze fundiert.
Und mit dem Fundament fängt es schon an. Denn auf dem Grund der ehemaligen Waldschänke in Vorpommern an der Grenze zu Polen, die die Ich-Erzählerin zusammen mit ihrem Mann einmal zu einem verwunschenen Paradies privaten Glücks urbar machen wollte, stand früher ein Wehrmachtskasino. Im nahen See wurden Munitionsbestände versenkt, und im Garten erinnern quadratische Betonumrisse an sogenannte Normbaracken, die hier einmal in den letzten Rückzugsgefechten für Soldaten errichtet wurden. Ihr Maß galt für Konzentrationslager ebenso wie für die Behausungen, in denen nach dem Krieg Displaced Persons einquartiert wurden: »Diese wohnten also nach ihrer Befreiung manchmal in baugleichen Unterkünften wie schon davor im KZ.«
Stiftet hier die Norm absurde Kontinuitäten, unterstreicht sie an anderer Stelle das Trennende. Bei der Sanierung des Hauses erweist sich aus der Baumarkt-Perspektive, wie weit sich die beiden deutschen Staaten in vier Jahrzehnten auseinanderentwickelt haben. Nichts passt zusammen: »Als hätte man vom ersten Tag der Teilung in beiden Deutschlands grimmig daran gearbeitet, jegliche künftig Wiedervereinigung schon qua Infrastruktur, per Steckdosenanschluss und Rohrdurchmesser zu verhindern.«
Die mobilen Zeitläufte lassen sich als Immobiliengeschichte erzählen, im Großen wie im Kleinen. Und so bezeugt das Haus, das die Erzählerin als eigenen Protagonisten direkt adressiert, die arbeitstagelange Knutschzusammenkunft einer entflammten Liebe ebenso wie die geisterhaften Schwaden, in denen sie sich wieder verflüchtigt – und all die Wiedervereinigungsturbulenzen, die sich drumherum ereignen.
Als gewissermaßen neutrale Österreicherin kann sich die Erzählerin einen unbefangenen Blick auf die komplexe Sozialdynamik zwischen Ossis und Wessis leisten. Ihr entgehen weder die abweisenden Verbohrtheiten der in der Nähe hausenden Datschenbewohner, einer Art vorpommerscher »Sch’tis«, noch die Folgen der Gier und schreienden Ungerechtigkeit, mit der westliche Profiteure sich Bestände der bankrottgegangenen DDR unter den Nagel gerissen haben, so dass die Anrainer eben nicht von ungefähr schon bald so weit waren, »dass sie auch einen Meteoriteneinschlag oder ein Erdbeben für die Durchtriebenheit der Wessis gehalten hätten.«
Zwischen den Fronten um die Alleinruhelage herum lavieren ein ausrangierter früherer DDR-Funktionär, der nun eine Art Kleingartenverein leitet, und das polnische Alleskönnerpaar, Alla und Bolek. Sie gehen der Waldhausbesitzerin zur Hand und zählen zu einer ganzen Reihe charakteristischer Porträts von Figuren, die Nebenflügel im Bau des Romans bewohnen. Darunter der halbseidene Onkel Walter mit Tante Hupfi, der jüdische Vater, der sich in eine Rüstung aus lächelndem »Alles-ist-in-Ordnung-Stoff« aus den politischen Umständen gerettet hat, die ihn in seiner Kindheit eigentlich einem frühen und grausamen Tod bestimmt hatten; und natürlich jener Habibi, der mit dem Haus das Privileg teilt, direkt angesprochen zu werden, denn in den sich hier abspielenden Szenen aus dem Privatleben ist eine große Passion eingeschlossen. Anziehungen und Trennungen – schließlich steht der Lebensabschnittsfluchtwinkel wieder zum Verkauf.
Vielleicht liefert die lebenskluge handwerkliche Improvisationskunst, mit der sich Alla und Bolek gegen die Tücke von Objekten und xenophoben Sch’tis behaupten, das Vorbild für die Schreibweise. Mit leichter Hand verschleift Eva Menasse manche Fugen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, kombiniert unbekümmert um Norm und Maß, was ihr rund um ihr Paradies auf Zeit zugespielt wird: Anekdotisches, Essayistisches, sozialgeschichtliche Panoramen und intime Nahaufnahmen.
Was so entsteht, ist nichts Immobiles, sondern eine luftige Konstruktion, durch die der Wind des Lebens pfeift. In seiner Offenheit bildet der Roman über ein Haus am ostdeutschen grünen Rand der Welt ein Gegenbeispiel zu den aus Textbausteinen gefügten Meinungsbastionen, hinter denen sich die Gesellschaft immer mehr zu verbarrikadieren droht. Vielleicht ist das die politischste Lehre dieser Einblicke in das Private.
Eva Menasse: »Alleinruhelage«. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 224 Seiten, 23 Euro.